ETC on Tour 2007 St. Pauli - Die ganze Wahrheit

„Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umringten 
das Heerlager der Heiligen und die  teure Stadt. Und es fiel Feuer von Gott 
aus dem Himmel und verzehrte sie.“
                                                                                                                   
Offenbarung 20.9

 

Das war er also, unser Ausflug auf die sündigste Meile der Welt, der Reise an der sich bereits schon jetzt Sagen und Mythen ranken.

Kapitel 1 - Die Anreise
Samstag, 30. August 2008. Um 10.45 Uhr treffen sich zehn wackere Experten auf dem Schulhof Bohnhorst, um sich auf die große Reise zu begeben. Zur ETC on Tour 2008. Drei überaus freundliche, unserem Club wohlgesinnte, Bekannte überführen uns zum Bahnhof Minden. Pünktlich dort angekommen beginnt das Unternehmen mit einem Schreck. Unser Reiseleiter hat die Route falsch ausgearbeitet ! Mit dem altbewährten Niedersachsenticket kommt man günstigsterweise zum Ziel, aber eben nicht mit jedem Zug. Schnell wird sich beim äußerst schlauen  Bahnpersonal informiert und der richtige Zug erfragt. Was uns allerdings einen einstündigen Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof Hannover beschert. Um das Murren der Reisenden zu unterbinden, werden schnell ein paar Bier aus den Taschen gezaubert. Becks löscht Männerdurst !
Die Nikotinabhängigen unserer Reisegruppe können sich so erst einmal ein Bild über die hiesige Pennerszene machen. Draußen vorm Bahnhof prügeln zahnlose Besoffene mit Hundeketten auf zu gedröhnte Volltätowierte ein, die wiederum ihre Peiniger ganz ordinär überrotzen. Der freundliche Polizist hält den Mob vom Bahnhofinneren fern.
Derweil habe die anderen Experten größten Spaß daran, die Daheimgebliebenen mit Bilder und Kurzmitteilungen  zu versorgen. 

Um 13.40 Uhr geht es dann endlich mit einem Bummelzug der metronom ab in Richtung Uelzen.
In der Heidestadt soll in ein noch moderneres Schienenfahrzeug umgestiegen werden. Doch auch hier läuft es nicht ganz ohne Komplikationen ab. Trotz 23 Minuten Aufenthalt schafft es ein Experte seine Reisetasche so auf dem Bahnsteig zu platzieren, das sich ein Riemen seines Rucksacks in einem Gitter verfängt. Erst Sekunden vor der Abfahrt wird das Objekt aus seiner misslichen Lage befreit.
Während der Fahrt Richtung Zielpunkt bleiben wir dann aber von weiteren Pannen verschont. Allerdings nimmt der Zug nicht die gewünschte Geschwindigkeit auf. Wir überlegen, wie wir die Fahrt beschleunigen können und kommen zum Entschluss unser Gepäck nach unnötigen Ballast zu durchsuchen. Unser Vorhaben reduziert sich aber lediglich auf die flüssigen Gegenstände in unseren Taschen. Diese aber werden restlos vernichtet. Eine hohe Frequenz verzeichnet während dieser Fahrt auch die Bordtoilette.
Um 16.02 Uhr erreichen wir dann endlich die Hansestadt Hamburg. 
Noch 22 Stunden bis zum Anpfiff des Spiels.

Kapitel 2 - Hamburg, here we are
Nun sind wir also da. Hamburg, das Tor zur großen weiten Welt. Erst mal orientierungslos rennen wir durch den überdimensionierten Bahnhof. Zwei Experten kümmern sich um die Heranschaffung gültiger U-Bahn Tickets und die Anderen schauen etwas ratlos auf den großen Streckenplan der U- und S-Bahn. Nach ergiebigen Diskussionen steigen wir in Linie 3. Und siehe da, nach vier Station erreichen wir bereits unser Ziel: St. Pauli, Reeperbahn.
Wir steigen aus und Sonnenlicht küsst unser Haupt. Hier trennen sich unsere Wege. Mit einer logistischen Meisterleistung hatten wir es geschafft uns in zwei verschiedene Hotels einzubuchen. Acht Experten dürfen in das Haus der Zimmervermietung Kranz in der Dennis-Wehmer-Straße und die beiden Übriggebliebenen in das Zleep-Hotel an der Königstraße. Wer in welchen Betten schlafen darf hatten wir bereits in einem ausgeklügelten Losverfahren während unserer Zugfahrt ermittelt.
Während die beiden Übriggebliebenen sichtlich zufrieden mit ihrer Unterkunft waren (Komfortables Doppelzimmer), fällt die Begeisterung der anderen etwas geringer aus. Ein Sechs-Bett Zimmer mit drei Etagenbetten und ein Doppelzimmer mit einem Etagenbett auf vier Quadratmeter zeigen uns auf, das Geiz doch nicht so geil ist. Aber immerhin sind die Zimmer mit Fernseher und Kühlschrank ausgerüstet. Im Sechsbett-Zimmer steht sogar noch ein Tisch. Einige Experten sind nun damit beschäftigt ihr neues Zuhause komfortabel einzurichten. Die Anderen setzen die Prioritäten anders und besorgen erst mal was zu trinken. Schließlich muss ein Kühlschrank gefüllt sein. Schnell wird das Sechsbett-Zimmer zur gemütlichen Trinkhalle. Was wohl die beiden Spezialisten an der Königstraße machen ?
So langsam melden sich unsere Mägen mit einem aufdringlichen Knurren. Zeit zum Essen fassen. Also marschieren wir los. Es ist neunzehn Uhr, noch zwei Stunden Zeit bis zur gebuchten Rotlicht-Führung. Auf der Reeperbahn treffen wir alle wieder zusammen. Während sechs Experten in einen normalen Pizza- und Steakhaus ihr Essen bestellen, suchen die anderen Vier etwas Exklusiveres. Schnell wird man fündig. Ein Lokal mit einem großen M über der Tür lädt ein zum Essen der Spezialität Hamburgs: Dem Hamburger. 

Gut gesättigt treffen sich alle Mann auf dem Platz des Himmlischen Friedens direkt gegenüber der Reeperbahn. Das milde Wetter lässt uns unter freien Himmel köstlichstes Astra genießen. Kurze Zeit später gesellt sich ein Musikant auf die, neben uns stehende Bühne und fängt an auf seiner Gitarre zu klimpern. Eine Mischung aus dem jungen Bob Dylan und Mike Krüger.  Auf die Frage, ob wir uns ein Lied wünschen können, antwortet er empört: „Ich bin Entertainer und keine Musikbox !“
Die Zeit rennt dahin und es ist bereits viertel vor neun. Nun aber los zur Rotlicht-Führung, die an den Landungsbrücken beginnt. Was auf der Landkarte wie ein Katzensprung aussieht erweist sich als zäher Marsch. Zwei Minuten nach der vereinbarten Zeit treffen wir am Treffpunkt ein. Kein Führer da. Die nette, schlitzäugige Frau am Häuschen telefoniert sich die Finger wund und teilt uns schließlich mit, das wir zu spät seien. Pech gehabt. Aber 160 Euro gespart.
Noch 17 Stunden bis zum Anpfiff des Spiels.

Kapitel 3 - Tutti Frutti
Also marschieren wir führungslos auf eigene Faust los. Bar an Bar reiht sich entlang der endlosen Straße. Einige unserer Reisenden erweisen sich als Freunde des bewegten Schrittes und möchten gerne eine Tabledance-Bar von innen besichtigen. Schließlich gibt der Rest nach. Nach zähen Verhandlungen mit zwei circa 68-jährigen Türstehern sind wir uns einig. Tutti Frutti heißt das ausgewählte Lokal. Nun ja, Tutti Frutti kommt ja fast jedem noch bekannt vor, der Eintritt ist frei, das Bier kostet 5 Euro und wann hat man schon mal die Möglichkeit Hugo Egon Balder persönlich kennen zu lernen ? 
Also durch den Vorhang und rein ins Ungewisse. Nachdem sich unsere Augen an das schummerige Licht gewöhnt haben, erkennen  wir eine obskure Schönheit, die sich zu seichter Musik an einer Feuerwehrrunterrutschstange schlängelt. Ruckzuck werden wir in zwei Fünfergruppen geteilt und zu, mit Rotwildleder bezogenen, Sitzgruppen geführt, die uns optimale Sicht auf den Laufsteg gewähren. Ungefähr drei Zehntelsekunden später drängen sich mehrere knapp bekleidete Damen zwischen uns. Sofort versuchen sie uns mit scheinbar standardisierten Fragen ins Gespräch zu verwickeln.
Frage 1: „Woher kommst du ?“ Frage 2: „Bleibst du länger in Hamburg ?“ Frage 3: „Gibst du mir ein Piccolöchen aus ?“ Der Gefahr bewusst, übers Ohr gehauen zu werden, stammeln wir ein energisches „Ähh, nöö.“
Zwischendurch wird unser 5-Euro-Bier serviert, eine 0,25l Plastikflasche Warsteiner.
Und dann kommt die krasseste Frage, der um Konservation bemühten Damen: „Bist du alleine hier ?“ Häh ?!?!
Während wir an unserem Bier nuckeln scheinen die Unterwäsche-Tussis dem qualvollen Verdurstungstod nahe zu kommen. Eine röchelt: „Kann ich denn wenigstens einen O-Saft bekommen ?“ Nun, Orangensaft, was soll der schon kosten ? Die regelmäßig Großstadtrevier schauenden Szenekenner weigern sich weiterhin standhaft. Aber drei, scheinbar etwas naivere  Experten lassen sich weich kochen. In Windeseile wird der gelbe Nektar serviert. Daran sollten sich die Wirte in unserer Heimat mal ein Beispiel nehmen.

Auf dem Laufsteg ist aus dem Schlängeln an der Stange längst ein Zucken und Reiben geworden.
Die drei vorm Verdursten geretteten Damen süffeln an ihrem O-Saft und nörgeln gleichzeitig das ein Piccolo wesentlich geschmacksvoller sei. Aber nun bleiben auch die Naivlinge hart. Die Animierdamen scheinen ihr Pulver verschossen zu haben und nehmen Kontakt mit dem Personal auf. Ein ausgestreckter Arm mit einer kurzen kreisenden Bewegung des Zeigefingers reicht dem Barkeeper aus, um die Botschaft zu verstehen: Hier geht nichts mehr. Schnell eilt er mit seiner geöffneten Prada Geldbörse herbei und teilt uns ganz cool mit: „So, einmal zwischendurch kassieren. Drei Orangensaft. 30, 60, 90 Euro bitte.“ Während den drei, ungläubig dreinschauenden Bestellern die Kinnlade aushakt, bricht der Rest unserer Gesellschaft in schadenfrohes Gewieher aus. Sehr zielstrebig kassiert der massiv wirkende Barkeeper mit Migrationshintergrund und Jugendknast-Erfahrung das Geld und die Damen verschwinden so schnell wie sie gekommen waren.
Benommen von so viel Großstadtflair verlassen wir enttäuscht das Ambiente. Hugo Egon war auch nicht da.
Noch 16 Stunden bis zum Anpfiff des Spiels.

Kapitel 4 - Die Nacht der Nächte

Wir waren also der Hölle entkommen. Erst mal geheilt von den Sphären der Unterwelt sehnen wir uns nach einer normalen Kneipe, einer echten St. Pauli Kneipe mit echten Menschen. Und da bietet sich eine riesige Auswahl. Wir suchen nicht sehr lange und betreten das Lehmitz. Sieht von außen schon mal cool aus. Drinnen ist es echt der Hammer. Mehr Theke als Standfläche. Alles sehr düster gehalten. Aber geschmackvoll. Ob das Konzept in Bohnhorst wohl auch greifen würde ? Also wenn es mal eine ETC-Kneipe geben wird, dann wird sie so aussehen. Scheinbar sind wir aber zu früh hier. Ist noch nicht  viel los. In einer Ecke baut gerade eine Metal-Band ihr Equipment auf. Der Platz für die Band ist allerdings nicht viel größer als der Aktionsradius von Dackel bei einem Altligaspiel. Aber irgendwie scheint es zu gehen. Zu trinken gibt es hier, was sonst, Astra aus Flaschen. Gut gekühlt und einfach lecker. Der Wirt ist ein Kerl wie ein Schrank mit Lederkutte und riesiger Tätowation. Sehr zur Freude unseres Kickerer des Jahres steht sogar ein Tischfussballgerät in dem Laden. Sofort wird dieser besetzt und die kleine Kugel übers Parkett gejagt. Aus den Lautsprechern dröhnt Hardrock vom Feinsten. Das geht schon gut ab.

Leider können wir nicht hier bleiben, es muss weitergehen. Also wieder auf die Straße und ein anderes Lokal aufgespürt. So langsam füllen sich die Gassen und wir werden immer wieder von irgendwelchen Frauen angesprochen. Und da sag noch mal einer, das wir kein gut aussehender Haufen sind.  Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier und so wehren wir alle Angebote ab und flüchten in die nächste Kneipe. Klein aber fein. Hier gibt es dann auch den ersten Whisky. Für 4 Euro. Das heißt also, anstelle eines Orangensaftes kann man auf St. Pauli siebeneinhalb Scotch trinken.
So langsam splittert sich unsere Gruppe. Einige wollen in diesem Schuppen bleiben, andere wollen zur nächsten Kneipe weiter und andere die bereits Verlorengegangenen suchen.
Eine Truppe besucht die Herbertstraße. Ein ganz schlimmes Pflaster, wo weder Jugendliche unter 18 noch Frauen Zutritt haben. Also, den ganzen Mut zusammen genommen und durch die Bretterwand in die Zone der Finsternis. Hinter den Fenstern lauern ganz fiese Gestalten auf Kundschaft. Ein echtes Gruselkabinett. Wer hier her gelangt hat nur noch ein Ziel: So schnell wie möglich wieder raus.

Eine andere Gruppe hat mittlerweile das Murphy´s entdeckt. Wieder so eine Kneipe, die zum weiteren Verweilen einlädt. Laute, geile Mucke und irisches Bier vom Fass. Und Spirituosen die bei Funkenkontakt in Flammen aufgehen. Und genau das sollte zum Verhängnis eines Experten werden. Während er locker an der Theke gelehnt steht, versucht zwei Meter weiter ein Stümper von Barkeeper einige Schluckgläser mit Hochprozentigen zu füllen. Dabei läuft der Brandbeschleuniger über den Rand der Gläser quer über die Theke. Als der hirntote Schankwart dann das Feuerzeug zückt und Schnaps anstecken will, gibt es eine riesige Stichflamme, die die ganze Theke und den Arm unseres Experten in Brand setzt. Sekundenlang starren die Umstehenden auf dieses merkwürdige Schauspiel um sich dann auf den in Brand Geratenen zu stürzen. Schnell wird den Anwesenden klar, dass es sich um eine größere Verletzung handelt. Eilig wird ein Tatütata-Krankenwagen alarmiert und die draußen herum schleichende Polizei rein gewunken. Zwei Experten begleiten das Opfer ins Krankenhaus. Auffallend, dass die beiden Begleiter die einzigsten sind, die den Dienst an der Waffe verrichtet haben. Schon damals haben sie das Lazarett der Kantine vorgezogen. Die Zivis hingegen blieben lieber am Tatort. Mittlerweile stoßen auch andere Experten zum Unfallort. Die Party ist für uns aber beendet. Gegen halb drei trotten wir zurück in unsere Quartiere.

Doch die schlechten Nachrichten nehmen kein Ende. Bevor alle zu Bett gehen, bemerkt zu allen Überfluss ein Experte, dass er diese Nacht das Opfer eines Raubes durch das örtliche Drogenkartell geworden war. Geld futsch, Gute Nacht.
Noch 11 Stunden bis zum Anpfiff des Spiels.

Kapitel 5 – Der Morgen danach
Bereits um acht Uhr in der Früh entwickelt sich das erste Lebenszeichen im Sechsbett-Zimmer. Einer der Lazarettjungs erwacht als Erster und macht erst mal für alle einen halben Liter auf. Begeistert nehmen die anderen an und nuckeln angewidert am Gerstensaft.
In Zimmer 26 wacht ein Experte vom angeblichen Schnarchen seines Zimmergenossen auf. In  Wirklichkeit ist die Ursache seiner Schlafunterbrechung aber die Ansammlung kleiner silberner Kügelchen in seinem Mundraum. Auf dem nächtlichen Nachhauseweg wurde noch kurz beim Türken Halt gemacht. Scheiß Döner in Alufolie.
Nachdem sich alle frisch gemacht haben, schlüpfen wir in unsere neuen, chicen T-Shirts, die den Esprit Jamaicas versprühen. Anschließend versammeln wir uns in der Trinkhalle des ETC. Auch die Bewohner des Zleep-Hotels stoßen, nachdem sie endlich im Labyrinth der Gänge des Hotels die richtige Tür gefunden haben, dazu. Auch sie werden gleich mit Astra verköstigt. Zum Glück geht der Biervorrat langsam zur Neige.
Wir versuchen mit unserem Verunglückten Kontakt auf zu nehmen. Doch unsere Anrufe bleiben vorerst unbeantwortet. Dafür werden die holden Frauen in der Heimat kontaktiert.
Dort ist anschließend die Hölle los. Die Gerüchteküche brodelte wie wild. Es werden die unmöglichsten Szenarien zusammen gebastelt. Manche haben sogar „Weiberstimmen !!!“ im Hintergrund gehört.
Nun soll erst mal anständig gefrühstückt werden. Also ziehenwir los über die Reeperbahn. Nun bleibt auch mal etwas Zeit für einen anständigen Schaufensterbummel. Aufpassen muss man bloß auf die zahlreich umher liegenden Penner. Diese sind in den unmöglichsten Stellungen zusammengesackt und liegen nun bewegungslos in den Hauseingängen oder einfach auf dem Bürgersteig.
Und siehe da, mitten auf der Reeperbahn gibt es ein anständiges Frühstücks-Cafe. Nachdem geklärt wurde, was der Orangensaft hier kostet, bestellen wir uns alle ein leckeres Frühstück.
Mit allen drum und dran: Anständiger Kaffee, leckerer O-Saft, frische Brötchen, französische Croissants, kräftiges Schwarzbrot, Eier von glücklichen Hühnern, kalorienreiche Wurst, gelber Käse, erdbeerige Konfitüre und natürlich Schmalz mit Salz. Wieder gestärkt und bereit für das weitere Leben verlassen wir frohgemut die einzigste Oase in der großen Schmuddelwüste . 
Mittlerweile konnte auch das Brandopfer erreicht werden. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Der Arzt hat unseren tapferen Experten noch nicht konsultiert. 
Die Uhr zeigt halb eins und man ist sich schnell einig, das es nun an der Zeit ist, sich dem eigentlichen Sinn unserer Reise zu widmen. Dem Klassiker zwischen dem FC St. Pauli und Rot-Weiß Oberhausen am nahen Millerntor. 
Noch 1,5 Stunden bis zum Anpfiff des Spiels.

Kapitel 6 – Wooohhoo !
Bei hochsommerlichen Temperaturen machen wir uns auf den Weg. Die Dennis-Wehmer-Straße mündet genau ins Millerntor-Stadion. Vor der imposanten neuen Südtribüne prangert riesengroß das St.Pauli-Logo. Sieht alles hypermodern aus. Massiver Klinker, viel Glas, und ein nagelneuer Fanshop. Aber wir müssen zum Nordeingang. 
Hier kommt dann auch das berühmt-berüchtigte Gesicht des etwas anderen Vereins zum Vorschein. Graffitibesprühte Baucontainer, kleine Buden aus Sperrholz, aus denen Astra verkauft wird. Engagierte junge Menschen aus der Studentenszene, die Flyer und Fanzines und vielleicht auch andere illegale Sachen verticken. Hier fachsimpelt der Punk mit dem Professor über die letzte Auswärtsniederlage. Fahnenschwenkende und schlachtrufgrölende Fans aus allen Schichten der Bevölkerung machen das Erlebnis St.Pauli erst zur einmaligen Sache. Zum Glück fallen unsere zitronengelben Shirts unter dem Braun der St.Pauli Fans nicht sonderlich auf.
Am Nordeingang angekommen, müssen wir erst mal eine Personen-durchsuchung über uns ergehen lassen. Durch einen engen Eingang gelangen wir in den Innenraum. Nordtribüne. Die Sonne knallt erbarmungslos auf uns hernieder. Erst mal ein kühles Astra zur Herabsetzung der Körpertemperatur. Prost. Praktische Pappträger helfen beim gleichzeitigen Transport von mehreren Bechern.
Eine halbe Stunde vor Spielbeginn begeben wir uns auf die Tribüne. Freie Platzwahl. Natürlich Stehplatz, weil Sitzen ist fürn Arsch. Schatten sucht man hier vergeblich. Also geht es in erster Linie um beste Sichtverhältnisse. Da die Ränge noch viele Lücken aufweisen, entscheiden wir uns für Plätze rechts hinter dem Tor. Jetzt könnten wir hervorragend unsere ETC on Tour-Fahne am Zaun platzieren. Aber unser stellvertretender Fahnenwart hat nichts zum Befestigen dabei. Er weigert sich auch standhaft, seine Schnürsenkel zu opfern.
So langsam wird es voll. Dicht an dicht gedrängt warten wir, dass es los geht.
Die Spannung knistert. Um genau 13.58 Uhr ertönt der erste Glockenschlag von Hells Bells. Sofort verwandelt sich das Stadion in ein Tollhaus. Gänsehaut läuft am Körper hoch und runter. Bei ersten Gitarrenriff laufen die Mannschaften ein. Vor Konfettiregen und Luftschlangenwirbel sieht man kaum noch den grünen Rasen.
Endlich geht es los. Schon früh kommt die Heimmannschaft zu Torchancen, was sehr förderlich für die bereits bombastische Stimmung ist. Aber der Ball geht vorerst nicht ins Netz.
Das größere Problem für uns ist aber der unerbittlich vom Himmel brennende Lorenz. Unsere ausgemergelten Körper sind für jeden Luftzug dankbar.
Und dann TOOOR für St.Pauli. Sofort hämmert der Bass von Blurdurch die Lautsprecher. Die Zuschauer sind nun eine einzige wabernde Masse. Bierbecher fliegen kreuz und quer über unsere Köpfe. Auch die Vollen. Immer wieder schallt das Woohhooo! aus unzähligen Kehlen durch das Stadionrund.
Bis zur Pause erleben wir das geile Szenario noch zweimal. Gut gestimmt, allerdings dem Hitzestich sehr nahe, begeben wir uns hinter die Tribüne in den schmerzstillenden Schatten. Hier werden erst mal lebensrettende St.Pauli-Cappys erstanden. Die Zahl der Bierfreunde geht nun fast gen Null. Auf einmal sind Cola, Fanta, Wasser die Favoriten.
Die zweite Halbzeit ist schnell erzählt. St.Pauli trifft noch einmal, Felix Luz hat die Haare schön und mit Mütze ist die Sonne viel erträglicher.

Kapitel 7 – Die Heimreise
Lauter glückselige Menschen freuen sich über den verdienten Sieg der Kiez-Kicker. Überall wird getanzt, gesungen und getrunken. Während sich die Mannschaft noch an der Südtribüne feiern lässt, verlassen wir das Stadion. Als wir den Millerntorplatz überqueren, gelangen wir an eine ganz üble Verarschungs-Fußgängerampel, die uns immerfort signalisiert, stehen zu bleiben. Und nun wird´s doch noch kriminell. Wir beginnen die einzige unanständige Tat des Wochenendes: Wir überqueren die Straße bei Rot !
Auf dem Rückweg durch die Dennis-Wehmer-Straße nehmen wir wieder Kontakt mit unserem Schwerverletzten auf. Nach wenigen Sätzen haben wir die bittere Gewissheit: Wir müssen ohne den Kollegen die Heimreise antreten. Zwei Experten nehmen sich seiner Tasche an und bringen sie ins Hospiz. Die anderen warten derweil entspannt am Hoteleingang auf die Rückkehr des Duos. Den letzten Bieren wird gnadenlos der Garaus gemacht.
Zu neunt machen wir uns dann per U-Bahn auf den Weg zum Bahnhof. Hier werden die Kohlehydratetanks noch mal aufgefüllt. Die vielen kleinen Stände lassen essenstechnisch nichts zu wünschen übrig. Leckere, frisch zubereitete Brötchen, Fisch vom Feinsten, Pizza, Döner in Alufolie, Süßkram. Und natürlich sind auch Burgerking und Mc Donalds vertreten. Bei manchen scheint der Speicher auf Null runter gefahren zu sein.
Auch und vor allen Dingen hat Sicherheit in Hamburg höchste Priorität. Eine Hundertschaft der Hamburger Polizei schirmt eine ganze Handvoll ganz gefährlicher Fans des berüchtigten VfB Lübeck vom Rest der Reisenden ab. Wir müssen zum Glück in die andere Richtung.
Um 18.15 Uhr geht es zurück in die Heimat. Die Waggons sind rappelvoll. Wo Platz ist, wird sich reingequetscht. Wo wollen die ganzen Leute hin ? Bis nach Rothenburg an der Wümme bleibt es so voll. Hier müssen wir umsteigen. Besser ist das, weil der Zug der Verdammnis fährt Richtung Bremen. Und wer will schon nach Bremen ? 
Sichtlich ruhiger als auf der Hinfahrt schleichen wir über die Bahnsteige. Der Express nach Minden wartet bereits. In diesem Zug ist es wesentlich geräumiger. Nun haben wir endlich wieder ein Abteil fast für uns alleine. Allerdings sieht es hier aus, als wäre eine Kolonne besoffener Schalke-Fans im Waggon gewesen. Der Boden ist übersät mit Veltins-Bierdeckeln und Kronkorken. Auch die Toilette ist hinüber. Aber die Flüssigkeitsaufnahme hat in den letzten Stunden ja rapide abgenommen. Aus dem Fenster  beobachten wir vier frisch konfirmierte Lesben, die sich innig knutschend verabschieden. So jung und schon so verdorben fürs Leben. Ansonsten bietet sich auch in der Provinz das gleiche Bild. In den Mülleimern suchen ältere Herren nach Pfand um ihre, wohl spärliche Rente etwas aufzubessern. 
Es wird immer stiller unter den Experten. Nur noch das Rattern der Schienen und das Seufzen der zahnspangen tragenden gleichgeschlechtig Gesinnten  durchbricht die Ruhe. Die Luft ist endgültig raus. Unsere ausgebrannten Gedanken kreisen um den Angebrannten. 
Mit etwas Verspätung erreichen wir kurz vor neun den Bahnhof in Minden. Freudig erregt und mit einem breiten Lächeln empfangen uns hier unsere Lieben und begleiten uns auf dem letzten Weg unseres großen Abenteuers.

Ende

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